Wir hatten beide ein bisschen Bammel vor unserer ersten Zugfahrt, die 17 Stunden dauern (Samstag, 13.30 Uhr bis Sonntag, 6.30 Uhr) und 8 EUR in der niedrigsten Klasse, der sog. Sleeper Class, kosten sollte. Gleich vorweg, Bammel braucht man nicht zu haben, Zugfahren in Indien ist eine tolle Erfahrung.
Ich habe mein USB-Kabel fuer die Kamera vergessen, die Bilder aus dem Zug stelle ich aber so bald wie moeglich online [ueberhaut sollte ich mal Bilder hochladen :-D]. Bis dahin muesst ihr euch mit meiner duerftigen Beschreibung Vorlieb nehmen.
In einer Sitz- bzw. Schlafgruppe befinden sich sechs Liegen, drei an jeder Seite, wobei die mittlere Liege herunterklappbar ist, sodass man tagsueber auf der unteren sitzen kann (eindeutige Zuordnung der Platznummer sowohl fuer den Schlaf- als auch Sitz"fall"). Das herrlichste sind die offenen, hoechstens durch Gitter geschuetzten Fenster [ja, ein bisschen Knastatmosphaere kommt durchaus auf :-D]. Man kann seine Hand rausstrecken und spuert den Fahrtwind. Wer kann das von seinen Fahrten mit der Deutschen Bahn behaupten?
Waren wir die erste Stunde allein in unserem Abteil und konnten die Aussicht auf den Fensterplaetzen geniessen, gesellten sich nach dem ersten Stopp drei Herren mittleren Alters zu uns, von denen der eine sehr gut Enlisch sprach und fuer die anderen den Uebersetzer spielte. Alle drei zeigten grosses Interesse an uns europaeischen, jungen Frauen und Mel verstand es sehr gut, dass Gespraech immer wieder zu neuem Leben zu erwecken (tradtionelle KLeidung, Essen, love vs. arranged marriage, Studium, Frauen in Indien...). Wir tauschten Kekse und Kaugummis gegen Erdnuesse, lehnten bei Chai Tee und frischem Salat dankend ab (wir sind immer noch durchfallfrei...).
Wir waren fast ein wenig traurig, als die Herren nach ein paar Stunden ausstiegen, fanden aber bzw. Mel fand in den Zugestiegenen, einer jungen Frau und ihrem Mann, wieder tolle Gespraechspartner [ja, ich sollte mir wirklich mehr Muehe geben im Zugehen auf fremde Kulturen ;-D].
Ansonsten herrscht sehr viel Trubel in einem indischen Zug. Da Snack-Automaten fehlen, gibt es Essen auf Raendern, d.h. alle gefuehlte 10 min kommt jemand vorbei, der Chai Tea anbietet, der naechste verkauft Suessigkeiten und Knabbereien und wiederum ein anderer bereitet Salat frisch vor deinen Augen zu. Waehrend der Stopps auf Bahnhoefen kommen Haendler in den Zug, um dir allerlei Troedel zu verkaufen. Das Highlight waren jedoch die als Frauen verkleideten Maenner, von denen kein anderer Passagier beruehrt werden moechte und die diesen deshalb Geld zustecken ("Beruehre mich nicht"). Als Berliner liess uns das natuerlich voellig kalt :-D.
Gegen 23 Uhr ist Schlafenszeit. Mich hatte es mit der obersten Liege ganz gut getroffen und ich konnte tatsaechlich fuer ein paar Stunden Augenpflege betreiben. Mel hingegen war wohl zu sehr mit Rucksackhueten beschaeftigt, als dass sie ein Auge zudruecken konnte (DANKE!).
Sonntagmorgen gegen 7 Uhr haben wir Jodhpur erreicht, auch schnell ein niedliches Hostel gefunden und erst einmal ein paar Stunden abgeruht.
Endlich Kuehe...
Jodphur ist mit seinen ca. 1 Mio. Einwohnern etwas kleiner als Mumbai (20 Mio.) und hat vielmehr von dem Indien, das wir uns vor Reisebeginn in unseren Koepfen ausgemalt haben: eine tolle Altstadt mit engen Gassen, in denen man Motorraedern, Rikschas aber auch Kuehen ausweichen muss; einen grossen Markt, der alles von Gemuese, ueber Gewuerze, Lederwaren bis hin zu Stoffen in allen erdenklichen Variationen und Farben anbietet sowie einen doerflichen Charme trotz Grossstadtstatus, dank der unbefestigten Strassen bzw. Wege, der vielen Kuhfladen und der zig Millionen Fliegen.
Obgleich wir schon was Tolles erlebt haben - eine Jeepsafari zu den umliegenden Doerfern mit Besuch einer Toepferei sowie Weberei, Teilnahme an einer Opiumzeremonie (wir haben nicht probiert) und traditionellem Mittagessen - und auch einen tollen Abend auf der Dachterasse unseres Hostels verbracht haben - ich habe mit meiner Bibellektuere begonnen, muss aber schon nach Lesen der ersten zehn Seiten sagen, dass die Mitnahme des Kleinen Testaments voellig ausgreicht haette...- wissen wir immer noch nicht so richtig, was wir mit unserer Zeit anstellen koennen. Liegt es vielleicht daran, dass wir beides Menschen sind, die in ihrem Alltag auf jeder Hochzeit tanzen und immer was zu tun haben und denen gerad deshalb der Muessiggang oder das Faulenzen schwer faellt? Wer weiss, ob wir uns nicht fuer zwei Wochen in einer Freiwilligenorganisation engagieren und Muell in Kalkutta sammeln :-D? Wir halten euch auf dem Laufenden...
m + d
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